Viele haben davon schon gehört, in Polyamorie-Kreisen seit Jahren unabdinglich, und sehr oft in den Himmel gelobt und empfohlen: Dossie Easton und Janet W. Hardy’s Ratgeber „The Ethical Slut: A Practical Guide to Polyamory, Open Relationships & Other Adventures“ (auf deutsch: „Schlampen mit Moral: Eine praktische Anleitung für Polyamorie, offene Beziehungen und andere Abenteuer“). Es gilt als Bibel der Polyamorie.
Wie gerechtfertigt ist dieser Ruf eigentlich? Und sollte ein jedermensch, der sich der Polyamorie zugehörig fühlt, dieses Buch zugute tun? Ich habe es mir durchgelesen und gebe euch hiermit meine Antworten auf diese Fragen.

"The Ehtical Slut" von Dosie Easton & Janet W. Hardy
„The Ehtical Slut“ von Dosie Easton & Janet W. Hardy, zweite Edition, Englisch

Drei kurze Dinge im Vorraus: Dieses Buch kam zuerst im Jahre 1997 unter dem Titel „The Ethical Slut: A Guide to Infinite Sexual Possibilities“ heraus. Die zweite Edition von 2009 ist allerdings um einiges repräsentativer – viele Kapitel wurden umgeschrieben und ergänzt, nicht nur um moderenen Standards gerecht zu werden, sondern auch um neue Konzepte zu behandeln, die ‚damals‘ noch nicht Thema waren. Ganz neue Begriffe kamen auf und die Autorinnen haben in der Zwischenzeit Wissen angesammelt, das sie ihrem Hauptwerk hinzufügen wollten. Die zweite Edition ist also die definitive Version von The Ethical Slut.
Desweiteren sei zu erwähnen, dass ich das Buch lediglich als Begleiter zum Hörbuch zur Rate zog. Eine Vertonung gibt es tatsächlich von den Autorinnen selbst. Produziert durch „Celestial Arts“ ist dieses Audiobook eine ungekürzte Version der zweiten Edition. Die Druckversion habe ich persönlich lediglich als Referenz genutzt, falls ich nochmals nachschlagen musste oder es zur Unterstützung für eine Aufgabe brauchte (dazu später mehr).
Und zuletzt sei erwähnt, dass ich dieses Buch gezielt auf Englisch las/hörte, und nicht auf deutsch. Das liegt zum einen daran, dass es das Hörbuch nicht in deutscher Version gibt, aber auch an meiner persönlichen Disposition Literatur in möglichst originaler, nicht durch Übersetzung gefilterter Version geniessen möchte. Zur deutschen Version kann ich nichts sagen, aber ich denke, dass meine Kritik auch für die deutsche gilt.

Inhalt.
Die erste Sache, die mir sofort durch das Inhaltsverzeichnis auffiel: Dieses Buch beschäftigt sich mit einer absurden Anzahl von Themen! Wirklich vielen! Von Ethik für Anfänger, über ‚How to flirt‘, safer sex, sexuelle Präferenzen aller Art, Selbsthilfe mit Schwerpunkt auf Depressionen, Dating im Fetisch-Bereich, Masturbations-Tipps, sowieso Tipps für Gruppensex, Beziehungsformen, Familienstrukturen, wie man polyamor Kinder erziehen kann, bis hin – natürlich – zum grossen Thema Eifersucht und wie man mit ihr umgeht: The Ethical Slut erhebt den Anspruch ein Almanach für Menschen zu sein, die sich dem polyamoren Lebensstil zugehörig fühlen.
Und, schafft es das? Ganz klar: Ja!
Diese Themenvielfalt impliziert eigentlich, dass es entweder sehr oberflächlich wird, oder zu spezifisch. Aber ich kann guten Gewissens beurteilen, dass den Autorinnen ein wunderbarer Spagat gelungen ist zwischen einfacher, kurzer Erklärung und thementreue Ausformulierungen. Die Kapitel bauen wunderbar aufeinander auf, und ich hatte an keiner Stelle das Gefühl zu viel oder zu wenig zu erfahren, oder aus dem Kontext zu geraten.
Ich denke diese Themanvielfalt ist die größte Stärke des Buches: Jedermensch wird sich in sehr vielen Kapiteln wiederfinden. Nicht in allen, das ist klar, aber in mehr Kapiteln, als man anfänglich denkt – darauf gebe ich meine persönliche Garantie.
Ich persönlich war sehr überraschend so viele Kapitel vorzufinden, die Selbsttherapie zum Thema haben:

Hintergründe.
Dossie und Janet selbst sind Altkinder der 70er Revolution – echte Hippies also -, jeweils mit diversen Abschlüssen und Auszeichnungen in Psychologie, selbst Psychologinnen nebst dem Autoren-Dasein, jahrelang zugange sowohl im klassischen monogamen Bereichen, als auch polygamen Beziehungen, waren (mehrfach) verheiratet, sind im BDSM/Kink-Bereich heimisch, verstehen sich selbst als lesbisch und bi-sexuell, und gehen mit alle dem sehr offen um. Man sieht also, hier sprechen Menschen mit sehr viel Erfahrung, aber auch Autorität diese in empfehlender Natur rüber zu bringen. Ihre Schriften wirken im Gesamten dadurch sehr mitfühlend, einfühlsam, erfahren, und lesen sich sehr leicht, beruhigend(!), flüssig, und wie aus einem Guss.
Erzählen sie beispielsweise davon, wie man als Mensch mit einer Geschichte klinischer Depression mit Eifersucht umgehen kann, dann hat dies automatisch eine Aura des Vertrauens, der man sich gerne hingibt. Man fühlt sich irgendwie sicher und verstanden.
Den Kapiteln folgt stets eine Hausaufgabe, die teilweise, manchmal wahlweise, alleine oder mit einem oder mehreren Partnern durchgeführt werden. Und ja, auch Übungen dazu, wie man mit der Einsamkeit nach einer Trennung umgehen kann, oder was man macht, während der Langzeitpartner auf einem Date ist, und man selbst zu Hause alleine eingeht.
Und dann gibt es auch Übungen zur besseren Masturbation. Und sehr schöne Partneraufgaben, die die eigene Beziehung positiv unterstützen sollten. Und so weiter.

Negatives.
Das Ganze gipfelt dann mit einem ganzen Kapitel, wie man mit seinem Partner an einer offenen Orgie teilnehmen kann, wie man sich verhalten sollte, und worauf man achten sollte, etc.
Was schön ist, aber: Das bringt mich zu meinem ersten, wichtigen Kritikpunkt: Dieses Buch ist sehr, sehr sexlastig. Es ist schön, dass die Autorinnen durchgehend an so viele Geschlechter, wie Trans und Bigender, als auch an so viele geschlechtliche Orientierungen, wie Bi-, oder Pansexualität, denken – aber eine Gruppe von Menschen mag sich so gar nicht angesprochen fühlen mit diesem Buch, denn sie wird gandenlos komplett ignoriert: Asexuelle Menschen.
Alle Themen werden durch die Sicht sexuell aktiver Menschen beleuchtet, teilweise sogar so stark, dass man selbst dies gar nicht als sexuell betrachtet hätte. Das ist schade, denn es geht dem Poly-Menschen doch nicht immer um Sex, oder? Dass die Autorinnen, als Töchter der sexuellen Befreiung, diese Sichtweise haben, ist total nachvollziehbar und gut; aber es ist dennoch Schade, dass Asexuelle dadurch unter den Tisch fallen, denn all diese Themen sind auch für sie eignetlich sehr wichtig.
Die starke Lokalisierung ist ein anderes Problem. Nicht nur die stark amerikanisierte Sichtweise, sondern gar eine US-Amerikanische Fokusierung nimmt grosse Teile des Buches an Relevanz. Ein Kapitel erzählt uns direkt von einer ganzen Reihe von Zeitschriften die ausschliesslich in der Bay Area (also San Francisco und drum herum) zu erhalten sind. Was bringt mir als deutscher Leser diese Info denn? Überhaupt, wenn es um Tipps andere Polys kennen zu lernen geht, muss man klar feststellen: Zumindest hier in Deutschland herrschen andere Verhätlnisse und Schwerpunkte. Was dort funktioniert, ist hier nicht der Fall. Beispielsweise scheint es dort weniger eine Kultur von Stammtischen und offenen Treffen zu geben, dafür geht aber mehr via Zeitungen(?!) und Internetplattformen zum kennenlernen, die hier als ‚tot‘ gelten. Schade.
Zuletzt eine Sache, die eher allgemein gilt, und nicht diesem Buch im speziellen – aber durch die Tatsache, dass es ein englisches Schriftwerk ist, auch hier zutrifft: Die englische Sprache hat einfach keine ausreichende Differenzierung zwischen ‚Polygam‘ und ‚Polyamor‘. Im englisch-sprachigen Raum wird ‚polygamy‘ und ‚polyamory‘ absolut austauschbar verwendet. Und ich gebe zu, auch im deutschsprachigen Raum ist dies leider zu oft der Fall. Aber der Unterschied ist, bei genauerer Betrachtung, sehr weit: Polygamie beschreibt eine Beziehungsstruktur (Sitchwort Heirat), Polyamorie eine dispositionelle Einstellung. Man ist polyamor, ganz gleich ob man Single ist, zur Zeit monogam lebt, oder zig feste Partner hat: Was zählt ist, ob man sich anderen Lieben gegenüber verschliesst oder nicht. Polygam ist man nur, wenn man faktisch mehrere Partner hat, und nicht nur hypothetisch. Und dem Buch fehlt diese Differenzierung natürlich auch, was manchmal zu unnötigen Umschreibungen und selten sogar zu fatalen Verwechslungen führt.

Fazit.
Ich denke, ein jeder kann was aus dem Buch für sich mitbringen, das unbezahlbar ist, lernt man es nicht ‚auf die harte Tour‘ selbst. Aber da es sich sehr gut liest (und hört) emfpehle ich es dringend jedem – also, JEDEM – ob poly oder mono, ob hetero-, homo-, bi-, pan-, oder sogar a-sexuell, ob Anfänger oder langjähriger Polymensch.
Von der Sex-zentrischen und US-amerikanischen Perspektive mal abgesehen erreicht es meiner Meinung nach das Ziel ein Leitfaden für die ganze Polyamorie-Szene auf der ganzen Welt zu sein. Alles was ich von diesem Buch wollte, bekam ich, und noch mehr. Die Menge an tollen Dinge ist so riesig, statistisch ist auch für DICH was dabei. Garantiert!

 

„The Ethical Slut: A Practical Guide to Polyamory, Open Relationships & Other Adventures“ (2. Edition)
Dossie Easton, Janet W. Hardy
Amazon (Englisch) ISBN-13: 978-1587613371
Amazon (Deutsch) ISBN-13: 978-3868825084
Audible (Englisch)

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